WS 2012/2013: Gesellschaftliche Grenzen aufzeigen
Viele der Konflikte, Krisen und Katastrophen, von denen Menschen in der modernen Gesellschaft betroffen sind, werden aus sozialstaatlicher Sicht häufig als Folge individuellen Versagens gewertet. Diese Annahme wird schon durch die entsprechenden Hilfsinterventionen, deren Ziel es ist, das Individuum in den gesellschaftlichen „Normalbetrieb“ zurückzuführen, praktisch impliziert. Davon abgesehen, dass die Erfolgschancen solcher, meist auf kurze Dauer ausgelegter Maßnahmen, langfristig betrachtet, sich als eher gering erweisen, sind Stigmatisierung und Ausgrenzung häufige Folgen. So kommt es zu Stereotypen wie den „faulen Hartz-IV-Empfängern“ oder den „integrationsunwilligen Ausländern“, die, vom regressiven Kollektiv – welches gerade in Krisenzeiten seinem Wahn immer wieder tatkräftig Ausdruck verschafft1 – für volkswirtschaftlich unproduktiv angesehen, dann nur die Kehrseite zum „raffenden“ Wallstreetbanker darstellen.. Was nicht erkannt wird, ist die Tatsache, dass solche Vorstellungen auf Ursachen beruhen, die diese Gesellschaft, als solche, erst konstituieren.
In der, von Studierenden der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Landshut organisierten Veranstalltungsreihe „(In)visble Borders – Gesellschaftliche Grenzen aufzeigen“ geht es darum, gesellschaftliche Phänomene aufzuzeigen, die auf strukturellen Ursachen beruhen und, sich für die Betroffenen selbst, als Grenze erweisen. So behandeln ausgewählte Referent_innen, u.a. die Themen Antisemitismus, Antiziganismus, Intersexualität sowie Migration. Den Ursachen gesellschaftlicher Ausschlussformen, die durch diese Phänomene impliziert werden, soll kritisch, auch im Hinblick auf Möglichkeiten und Grenzen der Bekämpfung, auf den Grund gegangen werden.

SoSe 2012: Flucht, Migration & Ausgrenzung
Migration und Flucht finden in der heutigen Zeit im Spannungsfeld globalisierter Prozesse statt. Dem Abbau von Grenzen im Finanz-, Dienstleistungs- und Warenverkehr steht der Versuch einer globalen Kontrolle von Migrationsbewegungen entgegen, der sich u.a. in Externalisierungsstrategien Europas ausdrückt. Migrationskontrolle wird zunehmend an die
Ränder der EU verlagert und diese werden damit zu „hot spots“ im Migrationsgeschehen. Grenzen sind jedoch nicht als statische Linien zu begreifen, die sich an die Ränder Europas verlagert haben, sondern sind viel mehr im Sinne eines „doing border“ in ständiger Bewegung und werden im Sinne eines flexiblen Exklusionsparadigmas überall dort konstruiert, wo sich Flüchtlinge aufhalten. Diese Entwicklungen der letzten 20 Jahre finden in Deutschland ihren Ausdruck in einer Asyl- und Flüchtlingspolitik, die die Exklusion von Flüchtlingen zum Paradigma erhoben hat. Besonders Bayern sticht im bundesweiten Vergleich durch eine besonders rigide Abwehr und Ausgrenzung von Flüchtlingen hervor.

Um diese globalen, politischen Prozesse vollständig zu erfassen, dürfen gesellschaftliche Entwicklungen, in denen sich politische Prozesse sowohl ausdrücken, als auch widerspiegeln, in diesem Zusammenhang nicht ausgeblendet werden.

Die Veranstaltungsreihe „Flucht, Migration & Ausgrenzung“ der Fachschaft der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Landshut greift zentrale Aspekte des Themengebietes auf. Sie richtet sich an alle Interessierte, aber insbesondere an die Soziale Arbeit, der eine besondere Verantwortung zukommt. „Aufgrund ihres internationalen wie nationalen Berufskodexes, der in neuerer Zeit explizit die Verpflichtung auf die Werte Freiheit und Gerechtigkeit sowie die Menschenrechte enthält“ (Silvia Staub-Bernasconi) ist sie als Menschenrechtsprofession zum Handeln verpflichtet. Sie muss sich als Wissenschaft an der Auseinandersetzung und den Diskursen über Flucht, Migration und Ausgrenzung beteiligen und einen Beitrag zu einer menschenwürdigen Lebenssituation von Flücht-lingen und Migrant_innen leisten.

  1. wie es sich bspw. beim sich zum zwanzigstem Mal jährenden Pogrom von Rostock-Lichtenhagen zeigte, als sich eine Melange aus bis zu 3000 Anwohnern sowie bekannten Köpfen von NPD und Kameradschaftsspektrum aufmachte, zusammen über das Wohnheim, als Volksfeinde identifizierter ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter herzufallen, welche nur knapp mit dem Leben entkamen. [zurück]